Bewegung von Anfang an! Nachbericht Kinder- und Jugendsportkonferenz 2026
Kinder- und Jugendsportkonferenz rückt Kita und frühkindliche Bildung in den Mittelpunkt
Wie können Kinder möglichst früh für Bewegung begeistert werden? Welche Rolle spielen Sportvereine bei der motorischen, sprachlichen und sozialen Entwicklung? Und wie lassen sich Kita, Schule und Verein künftig noch besser miteinander vernetzen?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich die 8. Bayerische Kinder- und Jugendsportkonferenz am 10. Oktober 2026 in der Sportschule Oberhaching. Unter dem Motto „KiTa.Schule.Verein – Bewegung, Spiel und Sport“ bot die Bayerische Sportjugend (BSJ) ein abwechslungsreiches Programm aus wissenschaftlichen Impulsen, Praxisworkshops und Best-Practice-Beispielen. Auch der Fachbereich Kinder und Jugend der Bayerischen Turnjugend (BTJ) war natürlich vor Ort.
Frühkindliche Bewegungsbildung stärker im Fokus
Während im vergangenen Jahr insbesondere der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung und die damit verbundenen Chancen für Sportvereine im Mittelpunkt standen, richtete sich der Blick diesmal verstärkt auf die frühkindliche Bewegungsbildung und die Bedeutung der Kindertageseinrichtungen.
Bereits zur Eröffnung unterstrich der BSJ-Vorsitzende Michael Weiß die gesellschaftliche Relevanz von Bewegung und Sport im Kindesalter. Mit dem seit Januar 2026 geltenden Bayerischen Sportgesetz erhält dieser Bereich auch eine gestärkte gesetzliche Grundlage. Das Gesetz hebt ausdrücklich die Bedeutung altersgerechter Bewegungsangebote in der Kindertagesbetreuung hervor und betont die Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen und organisiertem Sport.
Auch mit Blick auf die Münchner Olympiabewerbung gewinnt die nachhaltige Förderung von Bewegung und Sport an Bedeutung. Denn die Grundlage für eine aktive Sportgesellschaft und mögliche spätere sportliche Erfolge wird bereits in jungen Jahren gelegt. Dabei geht es zunächst weniger um sportliche Höchstleistungen als vielmehr darum, allen Kindern Freude an Bewegung, vielfältige Bewegungserfahrungen und einen möglichst niedrigschwelligen Zugang zum Sport zu ermöglichen.
Mit jedem Sprung klüger – Bewegung als Schlüssel zu Bildung und Teilhabe
Einen besonderen inhaltlichen Akzent setzte Dr. Andrea Probst von der Technischen Universität Braunschweig mit ihrem Impulsvortrag „Mit jedem Sprung klüger – über die bildende Wirkung von Bewegung, Spiel und Sport im Kindesalter“.
Im Mittelpunkt stand ein ganzheitliches Verständnis von Bewegung, das weit über die Förderung motorischer Fähigkeiten hinausgeht. Kinder erschließen sich ihre Umwelt durch Bewegung, sammeln Erfahrungen, entwickeln Selbstvertrauen und treten miteinander in Kontakt. Bewegung ist damit nicht nur ein Bestandteil körperlicher Entwicklung, sondern zugleich ein wichtiger Zugang zu Bildung und sozialem Lernen.
Besonders spannend war die Verbindung zwischen Bewegung und Sprachentwicklung. Dr. Probst zeigte anhand praxisnaher Beispiele, wie Bewegungsangebote gezielt genutzt werden können, um Kommunikation, sprachliche Ausdrucksfähigkeit und gemeinsames Lernen zu fördern.
Bemerkenswert ist dabei die sportpädagogische Perspektive: Nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sportart, das Erlernen festgelegter Techniken oder der sportliche Wettbewerb stehen im Vordergrund, sondern das natürliche Bewegungsbedürfnis der Kinder. Sie sollen ausprobieren, entdecken, gestalten und eigene Lösungen entwickeln dürfen.
Damit verbindet sich ein Bewegungsverständnis, das gerade für das Kinderturnen und sportartübergreifende Bewegungsangebote von großer Bedeutung ist.
Von den ersten Bewegungserfahrungen bis zum Grundschulalter
In den anschließenden Workshops wurde deutlich, wie vielfältig die Anforderungen an altersgerechte Bewegungsförderung sind.
Das Programm umfasste Angebote für Kinder von einem bis zehn Jahren. Während bei den Jüngsten die motorische Entwicklung und das spielerische Entdecken im Vordergrund standen, beschäftigten sich weitere Workshops mit motorischer Vielfalt im Kita-Alter sowie mit Bewegungskompetenz und Selbstwirksamkeit bei Grundschulkindern.
Ergänzend widmete sich eine Kongresswerkstatt der Frage, wie Sportvereine ihre Strukturen kinderfreundlich weiterentwickeln können. Denn gute Bewegungsangebote allein reichen nicht aus: Auch organisatorische Rahmenbedingungen, qualifizierte Übungsleitende und passende Vereinsstrukturen entscheiden darüber, ob Kinder und Familien dauerhaft erreicht werden.
Best Practice: Wie Sportvereine neue Zugänge schaffen
Nach der Mittagspause rückten in der Talkrunde „Leuchttürme der Bewegungsförderung“ erfolgreiche Praxisbeispiele in den Mittelpunkt.
Neben dem Projekt „Bewegung und Sprachförderung“ von Dr. Andrea Probst wurde unter anderem gezeigt, wie inklusive Sportangebote auch im ländlichen Raum umgesetzt werden können. Das Beispiel des SV-DJK Kolbermoor verdeutlichte, welche Möglichkeiten entstehen, wenn gemeinsames Sporttreiben und Teilhabe konsequent zusammengedacht werden.
Einen weiteren interessanten Einblick gab Doris Auer von der Judoabteilung des TSV München-Großhadern. Unter dem Titel „Judo macht Schule“ stellte sie vor, wie sich eine Vereinsabteilung über Kooperationen mit Schulen im Ganztag engagieren und dadurch neue Zugänge zu Kindern und potenziellen Vereinsmitgliedern erschließen kann.
Erlebnisorientierte Bewegung und soziale Chancengleichheit
Am Nachmittag ging es mit einer zweiten Workshopphase weiter. In den Praxiseinheiten standen erlebnisorientierte Bewegungsangebote im Mittelpunkt, die mit fantasievollen Themenwelten wie einem Zauberwald, einer abenteuerlichen Tierinsel oder einer spielerischen Wiesn-Gaudi Bewegungsfreude und Kreativität miteinander verbanden.
Parallel dazu beschäftigte sich der interaktive Workshop „Alle Kinder im Blick – soziale Chancengleichheit im Sportverein leben“ mit den Möglichkeiten und Herausforderungen von Integration durch Sport.
Das Referententeam des BLSV-Programms „Integration durch Sport“ beleuchtete, wie Sportvereine Kinder unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergründe erreichen und bestehende Zugangshürden abbauen können.
Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass gesellschaftliche Teilhabe im Sport nicht allein durch die Bereitstellung von Angeboten entsteht. Entscheidend ist vielmehr, wie offen, zugänglich und bedürfnisorientiert diese gestaltet werden.
BTV: Mit Kinderturnen und KiSS für die Zukunft gut aufgestellt
Für den Bayerischen Turnverband lieferte die Konferenz zahlreiche wertvolle Impulse und bestätigte zugleich die Bedeutung des eigenen sportartübergreifenden Ansatzes.
Insbesondere das Konzept der KiSS-Kindersportschulen bietet gute Voraussetzungen, um Kinder unabhängig von einer frühen sportartspezifischen Festlegung vielseitig in ihrer Entwicklung zu begleiten. Im Mittelpunkt stehen grundlegende Bewegungserfahrungen, motorische Vielfalt, spielerisches Lernen und die Freude an gemeinsamer Aktivität.
Eine KiSS könnte darüber hinaus eine wichtige Brückenfunktion zwischen Sportverein, Kindertageseinrichtung und Schule übernehmen. Mit qualifizierten Lehrkräften, altersgerechten Angeboten und verlässlichen Kooperationsstrukturen lassen sich Bewegungsförderung und Vereinsentwicklung sinnvoll miteinander verbinden.
Die diesjährige Kinder- und Jugendsportkonferenz hat dabei eine wichtige Erkenntnis unterstrichen: Wer Kinder langfristig für Bewegung und Sport begeistern möchte, muss früh beginnen, vielfältige Zugänge ermöglichen und die Zusammenarbeit zwischen Kita, Schule und Verein stärken.
Für den BTV bedeutet dies, bestehende Konzepte weiterzuentwickeln, seine Vereine bei der Gestaltung entsprechender Angebote zu unterstützen und die Vernetzung mit Bildungs- und Betreuungseinrichtungen weiter auszubauen.